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Vorwärts oder rückwärts

Grundlagen und Bauformen analoger Kompressoren
von Dieter Kahlen & Ruben Tilgner
Studio Magazin (Deutschland) – Analog Special 2010

Regelverstärker gehören zweifellos zu den wichtigsten Werkzeugen, die uns für die Bearbeitung von Audiosignalen zur Verfügung stehen. Ein echtes Alleinstellungsmerkmal ist dabei ihre Alternativlosigkeit, wenn es um ihre Hauptaufgabe, also das Verändern der dynamischen Verhältnisse eines Audioprogramms, geht. Das klingt auf den ersten Blick banal, trifft aber auf andere grundlegende Signalbearbeitungs-Werkzeuge der Audiotechnik durchaus nicht immer zu:

So lässt sich die Wirkung eines Entzerrers im Gegensatz zu der des Regelverstärkers unter bestimmten Voraussetzungen auch auf alternativem Wege erreichen, beispielsweise durch Verändern von Aufnahmeumgebung, Mikrofontyp oder Mikrofonposition. Oft kann auf einen EQ ganz verzichtet werden, wenn man bei der Aufnahme die Möglichkeit hat, mit diesen Parametern zu spielen.

Die Dynamik lässt sich dagegen auf solchem ‚natürlichen‘ Wege niemals nennenswert verändern; hier ist immer der Einsatz entsprechender Technik gefragt. Die wichtigste Rolle unter den Regelverstärkern spielt zweifellos der Kompressor, dessen Unverzichtbarkeit und Omnipräsenz in aktuellen Musikproduktions-Formaten an dieser Stelle nicht besonders betont werden muss – ohne ihn wäre ein großer Teil der heutigen Klangästhetik schlichtweg nicht realisierbar.

Die natürliche Dynamik der menschlichen Stimme und ihre ‚Inkompatibilität‘ mit den meisten modernen Musikrichtungen aufgrund ihrer geringen Dichte gehört zu den klassischen Einsatzgebieten eines Kompressors und – neben der Bearbeitung des Sendesignals von Hörfunksendern – zu den wichtigsten Triebfedern für seine Entwicklung. Das homogene Einbetten einer Lead-Gesangsstimme mit 20 dB Dynamik oder mehr vor dem Mikrofon in eine dichte Popmusik-Mischung ist, wie wir wissen, ohne Kompressor ein praktisch aussichtsloses Unterfangen.

Neben seiner Korrekturfunktion übernimmt der Kompressor heute aber auch wichtige gestalterische Aufgaben, wenn es weniger um ‚Natürlichkeit‘ als eher um einen kreativen, durchaus wahrnehmbaren Einsatz geht, um einer Produktion einen bestimmten Charakter zu verleihen. Ein typisches Beispiel wäre hier das Bearbeiten und Verfremden von Drums. So hat etwa ein typisches, brachiales Metal-Schlagzeug, wie es durch den Einsatz von viel Kompression entsteht, nicht mehr viel mit dem Klang echter Drums zu tun.

Vorwärts- und Rückwärtsregelung
Die entscheidenden Komponenten eines analogen Kompressors sind zunächst das eigentliche Regelelement, das die gewünschte Verstärkungsänderung ausführt, und die Sidechain, in der die dazu verwendete Steuerspannung generiert wird. Unabhängig vom verwendeten Regelelement unterscheidet man zwei grundsätzlich unterschiedliche Schaltungstypen – die Vorwärtsregelung (Feed Forward) und die Rückwärtsregelung (Feedback).

Die meisten älteren Kompressoren sind Feedback-Schaltungen, bei denen das Steuersignal hinter dem Regelelement gewonnen wird, also aus dem bereits geregelten Signal. Das hat den Vorteil, dass ‚krumme‘, nicht lineare Kennlinien des verwendeten Regelelements, beispielsweise die eines FETs, aber auch Bauteil-Streuungen, durch diese Art der Schaltung stabilisiert werden. Die zur Steuerung verwendete Ausgangsspannung reflektiert bereits etwaige Nichtlinearitäten und kompensiert sie damit. Auf diese Weise werden massive Effekte solcher Nichtlinearitäten verhindert – allerdings oft um den Preis eingeschränkter Einstellmöglichkeiten für das Kompressionsverhältnis.

Gerade FETs weisen vielfach deutliche Streuungen von Bauteil zu Bauteil auf, die meist durch eine solche Rückwärtsregelung im Zaum gehalten werden. Aus diesem Grund werden übrigens klassische FET-Kompressoren vergleichsweise selten als Stereogeräte angeboten, da ein synchrones Regelverhalten beider Kanäle, wie es für einen sauberen Stereobetrieb unverzichtbar ist, nur recht aufwändig realisiert werden kann – beispielsweise mit Doppel-Transitoren in einem gemeinsamen Gehäuse. Kompressoren mit Vorwärtsregelung, bei denen die Steuerspannung aus dem Eingangssignal vor Durchlaufen der Regelung gewonnen wird, stellen deutlich höhere Ansprüche an die Linearität des verwendeten Regelelements.

Ein FET-Kompressor mit Vorwärtsregelung wäre deshalb sehr schwierig zu bauen, da eine sehr genaue Anpassung an die individuelle Kennlinie jedes einzelnen verbauten FET-Exemplars notwendig wäre. Fast alle vorwärtsgeregelten Kompressoren verwenden aus diesem Grund einen VCA als Regelelement. Zu den Vorzügen guter vorwärtsgeregelter Kompressoren zählen unter anderem sehr kurze Attackzeiten sowie weite Einstellbereiche für den Schwellwert (Threshold) und das Kompressionsverhältnis (Ratio).

Vari-Mu
In den letzten Jahrzehnten wurden eine ganze Reihe verschiedener Bauformen für Kompressoren entwickelt, die sich zunächst einmal durch die Art des verwendeten Regelelements voneinander unterscheiden. Hier spielt natürlich eine wichtige Rolle, welche Komponenten zum Zeitpunkt der Entwicklung der einzelnen Geräte auf dem Markt jeweils zur Verfügung standen – in den 50er Jahren war an einen VCA-Kompressor heutiger Bauart eben noch nicht zu denken. In diesem Kapitel wollen wir uns die wichtigsten dieser Bauformen näher ansehen, wobei die historische Reihenfolge ihrer Entwicklung möglichst berücksichtigt wurde.

Den Anfang machte natürlich die Elektronenröhre: Als Urahnen des Kompressors gelten gemeinhin die als ‚Variable-Mu‘ bekannten Schaltungsdesigns. Sie basieren auf bestimmten Röhrentypen, deren Verstärkung sich besonders einfach über die Gitterspannung verändern lässt. Zwar kann man im Prinzip die Verstärkung jeder Röhre in gewissen Grenzen auf diese Weise variieren; in der Regel steht dabei aber kein größerer linearer Bereich zur Verfügung, der den Einsatz in einem Kompressor sinnvoll machen würde.

Zum Teil sind die seinerzeit für solche Schaltungen genutzten, besonders geeigneten Röhrentypen heute nur noch schwer verfügbar, zum Beispiel die im Fairchild 670 eingesetzte 6386. Einfachere Vari-Mu-Kompressoren wurden bereits in den 50er Jahren von vielen kleineren Herstellern in den USA angeboten und kamen zunächst vorwiegend zum Einsatz, um den Klang lokaler Radiostationen attraktiver zu gestalten. Der berühmte Fairchild 660/670, heute bekanntester Vertreter dieses Schaltungsprinzips, entstand erst später und nutzte anders als die frühen Vari-Mu-Geräte auch schon eine recht komplexe Sidechain-Schaltung.

Kompressoren dieser Bauform sind praktisch immer rückwärtsgeregelt und zeichnen sich, wenn sie gut gemacht sind, durch einen besonders ‚fetten‘ und homogenen Klangcharakter aus, der bekanntlich von vielen Anwendern sehr geliebt wird. Die Domäne dieses Kompressortyps sind sanfte und unauffällige Korrekturen der Programmdynamik ohne tiefgreifende Eingriffe, aber mit sehr guten klanglichen Eigenschaften, die eine Produktion sehr gut abrunden können.

Opto
Der Opto-Kompressor trägt seine Bezeichnung, weil er als Regelelement einen oder mehrere Fotowiderstände verwendet. Ein solches Bauelement reduziert seinen Widerstand mit zunehmendem Lichteinfall; es wird in solchen Kompressoren als eine Art Spannungsteiler eingesetzt, um die Verstärkung signalabhängig zu variieren. Angesteuert wurde der Fotowiderstand ursprünglich durch eine Glühlampe, später dann eine LED oder ein EL-Element, die abhängig vom Steuersignal aus der Sidechain leuchten.

Opto-Kompressoren sind in der Regel sehr einfach aufgebaut; ihr Zeitverhalten ist aufgrund der ‚angeborenen‘ Trägheit des Regelelements recht langsam - besonders dann, wenn als Lichtquelle eine Glühlampe verwendet wird, die allerdings als angenehmen Nebeneffekt eine RMS-ähnliche Charakteristik aufweist. Auch bewirkt der Fotowiderstand eine Art ‚Hold‘-Effekt, da die Widerstandsänderung auch nach dem Abschalten der Lichtquelle mit Verzögerung erfolgt. Das spezielle Zeitverhalten eines Opto-Kompressors macht ihn für bestimmte Anwendungen ungeeignet, kann aber in anderen Fällen auch sehr ‚musikalisch‘ wirken.

So ist bei diesem Regelelement beispielsweise eine gewisse Programmabhängigkeit des Release-Verlaufs bereits eingebaut, da die Releasezeit bei heftigerem Einsatz der Regeltätigkeit abnimmt. Dieser Effekt und der besonders weiche Soft Knee-Kennlinienverlauf des Optos sowie die starke Nichtlinearität des Fotowiderstands wurden seinerzeit ganz bewusst genutzt, um bestimmte klangliche Eigenschaften zu erzielen – eigentlich ein Zufallsprodukt, das sich auf anderem Wege damals kaum hätte erreichen lassen.

Heute kann man ähnliche Kennlinien, allerdings mit einigem Aufwand, auch in Kompressoren ohne optisches Regelelement nachbilden. Der Klang eines typischen Optos ist fett, unauffällig und verzerrungsarm; das Schaltungskonzept bietet dem Anwender allerdings nur wenige Variationsmöglichkeiten des Regelverhaltens. Aus diesem Grund ist ein Opto-Kompressor aber auch extrem gutmütig; er passt sich der Charakteristik des Eingangssignals gut an und eignet sich auch gut zur Bearbeitung komplexerer Mischungen, wenn man mit den sehr eingeschränkten Zugriffsmöglichkeiten leben kann. Man kann bei der Einstellung eigentlich nicht viel verkehrt machen. Ein typischer Klassiker dieses Genres ist beispielsweise der Teletronix/Universal Audio LA-2A.

FET
FET-Kompressoren machen sich die Tatsache zunutze, dass ein Feldeffekt-Transistor (FET) in einem bestimmten Bereich seiner Kennlinie als steuerbarer Widerstand verwendet werden kann. Allerdings ist das nur in einem recht kleinen Spannungsbereich und mit vergleichsweise hohem Make-Up-Gain hinter der Regelung möglich, da ein Feldeffekt-Transistor nur geringe Signalpegel verzerrungsarm verarbeiten kann. FET-Kompressoren sind sehr flexibel hinsichtlich ihrer Zeitkonstanten und erlauben sehr kurze Attack-Einstellungen; weniger variabel ist allerdings die Einstellung der Ratio, für die oft nur wenige umschaltbare Werte wählbar sind.

Wie bereits erwähnt, kommt für FET-Kompressoren wegen der schlechten Linearität des Regelelements praktisch ausschließlich die Rückwärtsregelung in Frage. Größtmögliche Neutralität ist nicht seine Stärke; eher kommt ein FET-Kompressor dort zum Einsatz, wo es auch schon mal etwas ‚ruppiger‘ zugehen darf. Wegen des eingeschränkten Dynamikbereichs und der problematischen Stereo-Verkoppelbarkeit sind FET-Modelle nicht unbedingt für anspruchsvolle Mastering-Anwendungen zu empfehlen. Ein typisches Einsatzgebiet sind spektakuläre Signalbearbeitungen von Drums. Bekanntester Vertreter dieser Bauform ist sicherlich der Urei 1176LN.

VCA
Das modernste und flexibelste Regelelement für Kompressoren und gleichzeitig das mit dem höchsten Verbreitungsgrad ist heute zweifellos der spannungsgesteuerte Verstärker (VCA). Erst mit seiner Einführung wurde die Vorwärtsregelung eines Kompressors eine echte Option, da die Kennlinie dieses Regelelements linear und eindeutig, also reproduzierbar verläuft. Gute VCA-Kompressoren können deutlich flexibler und universeller sein als die Vertreter der bisher genannten Bauformen, erfordern allerdings auch auf der Entwicklungsseite oftmals einen höheren Aufwand.

Der VCA ermöglicht neben klassischen Anwendungen durchaus auch extremere Effekte wie Überkompression oder negative Kompression; bei Bedarf liefern VCA-Kompressoren aber eben auch ein sehr neutrales und sauberes Regelverhalten ohne Artefakte, wie es die älteren Bauformen in der Regel nicht bieten können. Allerdings gibt es in der Praxis große Unterschiede sowohl bei der Qualität des verwendeten VCA-Bausteins in diskreter oder integrierter Ausführung als auch beim Schaltungsaufbau.

Das ist wohl auch der Grund dafür, dass VCAs bei manchen puristischen Anwendern in klanglicher Hinsicht etwas in Verruf geraten sind – zu Unrecht, wie ich glaube. Die Konstruktion eines guten VCA-Kompressors ist eine anspruchsvolle Angelegenheit, und nicht jeder Entwickler eines solchen Gerätes hat den Ehrgeiz oder die Muße, diese Technologie wirklich bestmöglich auszureizen. Wenn man zudem einen minderwertigen Billig-VCA als Grundlage seiner Schaltung verwendet, wird das Ergebnis eben auch keinen höheren klanglichen Ansprüchen gerecht.

Die Behauptung, der VCA bringe aus Prinzip unvermeidbare klangliche Nachteile mit sich, halte ich jedenfalls schlichtweg für falsch. Ebenso wie auch verschiedene andere Hersteller bauen wir VCAs diskret aus einzelnen Komponenten unserer Wahl auf, um bei der Auswahl der verwendeten Transistoren und ihrer technischen Parameter größtmöglichen Gestaltungsspielraum zu behalten. Insgesamt sind VCAs zweifellos die flexibelsten verfügbaren Regelelemente für Kompressoren, mit denen sich fast alle denkbaren Charakteristiken realisieren lassen – die klanglichen Ergebnisse hängen im Einzelfall sehr davon ab, wie die Sidechain ausgelegt ist und wie die Zeitkonstanten gewählt wurden.

Soft- oder Hardknee, eher unauffällige oder Effekt-orientierte Kompression - alles ist mit dem VCA möglich. Allerdings reicht auch die qualitative Spanne des Marktangebots an VCA-Kompressoren vom wenig spektakulären Einsteiger-Gerät bis hin zum Mastering-tauglichen High-End-Produkt.

PWM
Recht selten anzutreffen sind Kompressoren mit Pulsweitenmodulation (PWM), einem recht aufwändigen und nicht leicht zu handhabenden Verfahren, bei dem mit Hilfe der PWM ein digitales Steuersignal mit variabler Impulsbreite generiert wird. Der Klassiker dieser Technologie ist der ursprünglich für den Sendeeinsatz konzipierte EMT 156. Heute verwendet beispielsweise der Hersteller Crane Song diese Technologie, allerdings in Kombination mit einem FET als Regelelement, das durch ein PWM-Signal gesteuert wird.

Sidechain
Das Regelverhalten hangt natürlich nicht nur vom verwendeten Gain-Element ab, sondern auch von der Art und Weise, wie die Steuerspannung erzeugt wird. Auch hier unterscheidet man Schaltungen auf der Basis von Spitzenwert- und RMS-Detektoren; zuweilen stehen dem Anwender auch beide Detektortypen oder sogar Mischformen daraus zur Verfügung. Während bei einem Spitzenwert-Detektor eine einfache Gleichrichtung vorgenommen wird und die Steuerspannung jede Spannungsspitze des Eingangssignals reflektiert, bildet der RMS-Detektor einen Mittelwert mit einer bestimmten Integrationszeit, die wiederum je nach Schaltung unterschiedlich ausfallen kann.

Spitzenwert-Detektoren eignen sich in erster Linie für eine echte Signalbegrenzung mit theoretisch unendlich hohem Kompressionsverhältnis (Limiter), also für Anwendungen, bei denen der Pegel – meist aus technischen Gründen - sicher auf einen einstellbaren Maximalwert begrenzt werden soll. Für solche Anwendungen ist ein RMS-Detektor aufgrund seiner prinzipbedingten Einschwingzeit nicht geeignet. Sehr einfache Spitzenwert-Detektoren bewerten nur eine Halbwelle des Eingangssignals, während die andere bei der Gleichrichtung unter den Tisch fällt – Signalarten mit unsymmetrischen Wellenformen, beispielsweise Stimmen oder Bläser, können dann zu unvorhersehbaren Reaktionen des Detektors führen, die bei einem Polaritätstausch deutlich anders ausfallen können.

Für den Einsatz in Kompressoren entsprechen moderne, hochpräzise RMS-Detektorschaltungen aus meiner Sicht den Eigenschaften des menschlichen Gehörs am besten, wenn sie mit einem entsprechend modernen Regelelement kombiniert werden. Sie stellen durch Logarithmierung ein lineares Verhältnis zwischen dem Eingangspegel und der Steuerspannung her, so dass eine bestimmte Pegeldifferenz des Eingangssignals in dB einer konkreten Spannungsdifferenz in Volt und nicht einem Multiplikationsfaktor entspricht. Wenn die Steuerspannung für einen Regelverstärker auf diesem Weg erzeugt wird, ist das Ergebnis unabhängig vom Absolutwert des Eingangspegels präzise vorhersehbar; das Resultat ist aus meiner Sicht ein unauffälligeres Regelverhalten.

Dass RMS-Kompressoren generell eher ‚langsame Vertreter‘ sind, die keine kurzen Attack-Zeiten liefern können, gehört aus meiner Sicht zu den weit verbreiteten, aber unzutreffenden Legenden –ein moderner RMS-Kompressor mit hochwertigen Komponenten im Detektorweg kann durchaus richtig schnell sein. Für Anwendungen, in denen eher auffällige Kompressionseffekte gefragt sind, kann aber durchaus auch ein Peak-Detektor zu interessanten Ergebnissen führen. Hier kann es allerdings aus den zuvor genannten Gründen durchaus passieren, dass der Kompressor beispielsweise auf die einzelnen Schläge einer akustisch immer gleich laut erscheinenden Snare mit sehr unterschiedlichem Regelverhalten reagiert, weil die Wellenform der Snare-Schläge unsymmetrisch ausfällt.

Verschiedene Kompressoren überlassen dem Anwender die Wahl zwischen Peak- und RMS-Charakteristik des Detektorwegs; einige Geräte bieten auch die Möglichkeit, die Einflüsse beider auf das Regelverhalten gestuft oder stufenlos miteinander zu kombinieren.

Signalweg
Neben Gain-Element und Detektor haben der gewählte Audio-Signalweg sowie die Auslegung des Netzteils und die Auswahl der Komponenten ebenfalls einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf die Signalqualität eines Kompressors. Dem Entwickler stehen natürlich auch hier eine ganze Reihe unterschiedlicher Optionen zur Verfügung – vom einfachen Aufbau mit integrierten Schaltungen von der Stange bis hin zu aufwändigen diskreten Schaltungen mit besonders hochwertigen Komponenten.

Und leider verhält es sich hier ebenso wie in jedem anderen technischen Bereich – gute Durchschnittsqualität ist mit heutigen Mitteln recht einfach erreichbar, aber die letzten Prozentpunkte der Signalqualität, die letztlich beim anspruchsvollen Anwender echte Begeisterung hervorrufen, erfordern einen überproportional hohen Einsatz auf der Bauteil- wie auch auf der Entwicklungsseite. Dabei ist es allerdings nicht damit getan, einfach die teuersten verfügbaren Komponenten im Gerät zu versammeln und dann quasi einmal gut zu schütteln.

Die Kunst des Entwicklers besteht eher darin, sehr viel Zeit und Mühe zu investieren, um verschiedene Schaltungs- und Bauteiloptionen sorgfältig zu prüfen und gegeneinander abzuwägen. Man kann zehn verschiedenen Köchen das gleiche Rezept geben und trotzdem wird das Ergebnis in jedem Einzelfall sehr unterschiedlich ausfallen. Um die Signalweg-Qualität eines Gerätes einschätzen zu können, reicht es manchmal schon, eine simple Aufholverstärkung ohne Regeltätigkeit einzustellen – bereits dabei zeigen sich bisweilen interessante Unterschiede, etwa hinsichtlich der Klarheit und Transparenz des verstärkten Ausgangssignals.

Selbst unterschiedliche Potentiometer-Typen können erheblichen Einfluss auf die Signalqualität haben, ebenso wie Elkos im Signalweg oder Widerstände. Viele dieser von uns beobachteten Phänomene entziehen sich leider einer genaueren messtechnischen Untersuchung, so dass selbst gute Messergebnisse nicht automatisch hochwertige klangliche Ergebnisse sicherstellen, die in einer sehr anspruchsvollen Mastering-Situation bestehen würden. Wir müssen uns nach meinen Erfahrungen derzeit wohl damit abfinden, dass sich bestimmte klanglich deutlich wahrnehmbare Effekte mit den Mitteln unserer heutigen Messtechnik nicht abbilden lassen.

Am deutlichsten tritt dies vermutlich bei Schallwandlern wie Lautsprechern und Mikrofonen zutage, aber durchaus auch bei elektrischen Schaltungen. Besonders relevant sind solche Betrachtungen natürlich beim Mastering, weil die Signalwege dort vergleichsweise kurz sind und die Auswirkungen beispielsweise von Kabelwegen in einer Relevanzbetrachtung weiter vorn rangieren als beispielsweise bei einem Live-Mitschnitt mit 120 Kanälen, in dessen Gesamtqualität noch viele andere Faktoren einfließen.

Multiplizieren wir die beschriebenen Bauformen für Kompressoren mit den genannten Detektor-Varianten und den verschiedenen gängigen Verstärkerschaltungen auf Basis von Röhren, Transistoren oder ICs mit oder ohne Übertrager, so ergeben sich daraus eine ganze Menge sehr unterschiedlicher Möglichkeiten, wie man einen Analogkompressor aufbauen kann. Entsprechend vielfältig sind natürlich auch die klanglichen Resultate, die sich mit den einzelnen Schaltungstypen realisieren lassen – alle Varianten haben ihre spezifischen klanglichen Eigenschaften, die sich je nach Anwendung vor- oder nachteilig auswirken können, und reagieren mit ihren sehr unterschiedlichen Kennlinienverläufen und ihrem Zeitverhalten individuell auf Audiosignale.

Möglicherweise ist diese Vielfalt auch der Grund für die Tatsache, dass viele Studios in der Vergangenheit dazu neigten, sich im Rahmen ihrer Budgets eine ganze Sammlung unterschiedlicher Analogkompressoren zuzulegen, die bei Bedarf jeweils ihren ganz individuellen Klangcharakter ins Spiel bringen können. Eine bestimmte Entzerrungskurve kann man trotz gewisser klanglicher Unterschiede notfalls mit vielen verschiedenen EQs einstellen oder zumindest näherungsweise nachbilden; das dynamische Verhalten eines bestimmten Regelverstärkers ist mit dem ‚falschen‘ Gerät dagegen schon deutlich schwerer zu realisieren.

Emulationen
elysia hat vor einiger Zeit damit begonnen, neben analoger Hardware auch digitale Emulationen bestimmter Geräte zu entwickeln und als Plug-Ins anzubieten. Nach unseren dabei gewonnenen Erfahrungen wird die gesamte Regelcharakteristik des Hardware-Vorbilds von einer guten Emulation heute schon sehr präzise abgebildet. Das Erzeugen des Steuersignals, das Generieren von Attack- und Release-Zeiten, VCA-Kennlinien und ähnliche Parameter lassen sich tatsächlich in hoher Qualität auf der Algorithmus-Ebene nachempfinden, und zwar einschließlich bestimmter Nichtlinearitäten beispielsweise beim Erreichen der Sättigung oder im Frequenzgang.

Schwierig wird es bei Plug-Ins nach unseren Erkenntnissen erst an dem Punkt, an dem ein ambitionierter Analog-Entwickler damit beginnen würde, mit verschiedenen Bauteilen zu spielen, um den Klangcharakter noch um eine Nuance in die gewünschte Richtung zu verlagern und zu formen. Vielleicht ist tatsächlich die Auflösung unserer heutigen Digitalformate zu gering, um solche Details auf der digitalen Ebene reproduzieren zu können. Vielleicht liegt es daran, dass viele Anwender mit einem Analoggerät nach wie vor andere – und dabei auch schnellere - Ergebnisse erreichen als mit einer Emulation.

Das Feedback eines Analoggeräts beim Einstellen unterscheidet sich trotz aller klanglicher Präzision von dem eines Plug-Ins, was nach unseren Erfahrungen tatsächlich Einfluss auf das Ergebnis hat. Sicher haben heute beide Domänen ihre Existenzberechtigung – man muss einfach nur wissen, wann und wo welches Werkzeug sinnvoll eingesetzt werden kann. Wenn meine gesamte Produktion im Rechner abläuft, ist das Einbinden eines einzelnen Analoggeräts relativ aufwändig und eine gute Emulation ist im Hinblick auf den Workflow meist die intelligentere Lösung, selbst wenn sie vielleicht nur 90 oder 95 Prozent der Klangqualität der Hardware-Variante erreicht – ganz abgesehen natürlich vom Kostenfaktor.

Auch die Qualität der verwendeten Wandler spielt dabei natürlich eine wichtige Rolle; ist sie unbefriedigend, nützt das beste Analoggerät wenig und das Plug-In wird im Zweifelsfall sogar eher besser klingen. Ganz anders sieht es natürlich dann aus, wenn der Signalweg ohnehin teilweise analog ist, beispielsweise beim Tracking oder Mastering.

Zum Schluss
Angesichts der beschriebenen Vielfalt im Bereich der Analogkompressoren ist es für den Anwender keine ganz leichte Aufgabe, herauszufinden, welche Geräte eine bestimmte Aufgabenstellung auf welche Weise erledigen können. Hier hilft nur Ausprobieren – allerdings hat der Anwender nicht immer die Möglichkeiten dazu. Die Hersteller könnten aus meiner Sicht noch mehr als bisher ihren Teil dazu beitragen, eventuelle Unsicherheiten auf der Anwenderseite auszuräumen – beispielsweise, indem sie klarer als bisher deutlich machen, für welche Aufgaben sich ein bestimmtes Gerät besser oder weniger gut eignet.

Solche Informationen sind für den Praktiker sicher wichtiger als eine blumige Beschreibung der Design-Philosophie. Besonders im Bereich analoger Kompressoren beobachten wir seit einiger Zeit die Tendenz vieler Hersteller, bewährte Bauformen vergangener Jahrzehnte durch Repliken neu zu beleben. So schön es auch sein kann, etwas Ähnliches wie einen Fairchild 670 zu besitzen – erstrebenswerter wäre es aus meiner Sicht, noch kreativer als bisher innovative Entwicklungen auf analoger und digitaler Ebene zu forcieren, anstatt immer nur die gleichen Klassiker zu clonen. Natürlich ist es aufwändiger, eigene Ideen zu entwickeln und sie dann auch umzusetzen.

Dieser Trend ist gerade deshalb schade, weil man als Entwickler heute mehr Möglichkeiten als je zuvor hat, neue Wege zu gehen. Wahrscheinlich wird der Markt diese Thematik aber über kurz oder lang ohnehin ganz ohne solche Appelle regeln – ein großer Teil der heutigen Anwender braucht, wenn er denn bereit ist, seine DAW um analoge Peripheriegeräte zu ergänzen, vermutlich eher universelle, moderne Geräte hoher Qualität, die sich nicht nur für einen ganz bestimmten Einsatzzweck eignen.

Ruben Tilgner (37) ist gelernter Radio- und Fernsehtechniker. Nach seinem Fachabitur war er rund 10 Jahre lang für den Hersteller SPL tätig und dort beispielsweise für die Entwicklung des ‚Transient Designer‘ verantwortlich. Im Jahre 2005 gründete er gemeinsam mit Dominik Klaßen die elysia GmbH mit Sitz in Nettetal, die sich der Entwicklung und Herstellung anspruchsvoller analoger Studiotechnik und digitaler Emulationen widmet.